Offen sein für neue Arbeitsweisen in den Life Sciences

Offen sein für neue Arbeitsweisen in den Life Sciences

Ein durchgängiges Thema bei den aktuellen Herausforderungen und Trends für das Recruitment in den Life Sciences ist „Disruption“: Ob es nun um Erwartungen an die Arbeit geht oder um neue Qualifikationsanforderungen, um den Standort von Arbeitskräften, um Prozesse, Kommunikation oder Technologie – Disruption zieht sich als roter Faden durch alle Bereiche. Nimmt man noch die globalen Marktschwankungen, die verschiedenen Unternehmenskulturen und das starre regulatorische Umfeld hinzu, wird deutlich: Sich eine neue Arbeitsweise anzueignen, ist für die Branche keineswegs ein Kinderspiel, sondern kann zu einer kostspieligen Angelegenheit geraten und wird längst nicht von allen mit Freuden begrüßt.

Allerdings muss sich die Life Sciences-Branche schon ihrem Wesen nach ständig verändern, erneuern, anpassen; sie muss experimentieren und neue, effektivere Methoden erforschen, um die Gesundheitsversorgung zu verbessern. Präzisionsmedizin, künstliche Intelligenz (KI), digitale Technologie und Genomforschung werden das Gesundheitswesen aller Voraussicht nach im kommenden Jahrzehnt noch weiter „umkrempeln“ – und die Branche insgesamt muss sich für diesen Wandel bereit machen.

So ist innerhalb des letzten Jahres zum Beispiel viel darüber geschrieben worden, dass sich Pharmaunternehmen auf neue Arbeitsweisen einstellen müssen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, ins Hintertreffen zu geraten. Zwar ist es für die Branche eine aufregende Zeit, in der Spitzentechnologien wie KI und Blockchain Schlagzeilen machen und jeden Entwicklungsschritt von der Entdeckung eines neuen Medikaments bis zur klinischen Prüfung revolutionieren; doch das Tempo, mit dem sich der Wandel vollzieht, mag viele einschüchtern. Dennoch ist Eile geboten. Ein gutes Beispiel in diesem Zusammenhang ist der Bereich Medical Affairs, der angesichts veränderter Marktanforderungen sein Aufgabengebiet erweitern musste und nun mehr und mehr aus der Rolle eines Unterstützers heraus- und in die eines strategischen Entscheiders hineinwächst.


Wie wird sich die Zukunft der Arbeit verändern?

Kelly hat anhand der Debatte am Markt und eigener intensiver Recherchen vier Dimensionen ermittelt, die Unternehmen berücksichtigen müssen, wenn sie sich mit der „Zukunft der Arbeit“ beschäftigen: Technologie, Arbeitsplatz, Arbeitskräfte und gesellschaftliche Normen.


Technologie

Technologie nimmt Einfluss auf alle Bereiche: Sie verändert die Art und Weise, wie wir einkaufen, kommunizieren, reisen, lernen und leben. Der Technologie ist es auch zu verdanken, dass Menschen heute mehr Kontrolle über ihre Gesundheit ausüben können, indem sie z. B. Geräte nutzen, mit denen sie ihre ganz individuellen gesundheitlichen Belange und Ziele protokollieren, überwachen und verstehen können. Diese neue Befähigung macht weitere Innovationen gewissermaßen unumgänglich. Darüber hinaus haben Digitalisierung, Social Media & Co. dafür gesorgt, dass spätestens die Millennials erwarten, ihr körperliches und seelisches Wohlbefinden bis zu einem gewissen Grad selbst in die Hand nehmen zu können.
Damit ist sichergestellt, dass sich in der Branche ein digitaler Wandel vollzieht, zu dem auch der Umgang mit „Werkzeugen“ gehört, die neue – oder zumindest andersartige – Fertigkeiten erfordern. So arbeitet oder experimentiert heute bereits nahezu jede zweite Fachkraft in den Life Sciences mit KI, um sowohl die Qualität der Medikamentenentwicklung als auch das Tempo zu steigern, mit dem lebensrettende Therapien auf den Markt gelangen.* Diese Entwicklung erfordert zwangsläufig neue Arbeitsweisen, denn manche Jobs – und die entsprechenden Qualifikationen – werden in der Zukunft nicht mehr gefragt sein, während andere Berufe mit dem weiteren Siegeszug neuer Technologien erst noch aus der Taufe gehoben werden müssen.
Mit KI und maschinellem Lernen lassen sich heute Daten analysieren und Muster erkennen. Doch all diese Daten aus klinischen und nichtklinischen Quellen gilt es zu schützen, wenn sie z. B. über Plattformen ausgetauscht werden, und Technologien wie Blockchain etablieren sich zusehends in der Branche. Damit geben die Life Sciences ein Paradebeispiel dafür ab, wie sich eine Industrie durch eine Orientierung hin zu neuen Talente-Pools – z. B. aus anderen Branchen – übertragbare Kompetenzen sichern könnte, die sie dringend benötigt. Mit anderen Worten: Den eigenen Markt für Arbeitskräfte zu öffnen, die zwar branchenfremd sind, aber über wertvolle Kenntnisse verfügen, kann durchaus eine lohnenswerte Alternative sein.


Der Arbeitsplatz

Wenn Arbeitsumgebungen oder Unternehmenskulturen den Anforderungen der Mitarbeiter nicht genügen, werden besonders begehrte Talente schnell die Chance bei einem anderen Unternehmen ergreifen, das ihren Vorstellungen entspricht. Daher wird es künftig Standard sein, in puncto Standort und Räumlichkeiten Prioritäten so zu setzen, dass Beschäftigte sich wohler fühlen. Nur so können Unternehmen die neuen Kompetenzen und Kenntnisse an Land ziehen, die im Zuge der weiteren Transformation der Branche gebraucht werden.
Der Arbeitsplatz, wie wir ihn kennen, hat ausgedient. Für diejenigen, die bei der Mitarbeitergewinnung wettbewerbsfähig bleiben wollen, ist Veränderung daher keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Die Umgebung, in der das Personal arbeitet, wird künftig in hohem Maße fließend, anpassungsfähig und vertrauensvoll sein müssen – und Telearbeit eine Selbstverständlichkeit anstatt nur eine symbolische Geste der Flexibilität. Also keine Nine-to-five-Jobs mehr; nicht jedes Meeting zwingend ein persönliches Gespräch; und Schluss mit dem Vorurteil, dass „Heimarbeit“ weniger Produktivität bedeutet.
Wenn die Anwesenheit der Mitarbeiter „vor Ort“ nötig ist, sollte Flexibilität bezüglich der Zeiten eingeräumt werden. Die Arbeitsweise sollte so gestaltet sein, dass sie Zusammenarbeit und Innovation fördert und eine Umgebung hervorbringt, in der Menschen voll motiviert sein können, ohne der Stechuhr ausgeliefert zu sein. Für viele in der Branche ist dieser Ansatz neu, für manche gänzlich unbekannt – und für den Rest bereits Realität.
Die Zukunft der Arbeit bietet tatsächlich die Möglichkeit, sich benötigtes Know-how unabhängig vom geografischen Standort oder selbst der Zeitzone zunutze zu machen, wenn die Kompetenzen derart gefragt sind.


Die Arbeitskräfte

Da gut jeder zweite Mitarbeiter in den Life Sciences über 45 ist und heute weniger Studenten denn je in den MINT-Fächern eingeschrieben sind*, bleibt der Wettbewerb um Talente in der Branche hart. Daher sollten Unternehmen, die wettbewerbsfähig bleiben wollen, unbedingt auch unkonventionellere Wege der Mitarbeitergewinnung in Betracht ziehen, um sich die verfügbaren Kräfte zu sichern. Dazu gehört auch das Zurückgreifen auf die „Gig Economy“: Dies kann sogar zu Kosteneinsparungen führen, denn ohne die Zwänge und die Bürokratie traditioneller Beschäftigungsverhältnisse werden Unternehmen innovativer, was wiederum genau den Typ Mensch anspricht, der gern als Freelancer arbeitet.
Wichtig ist dabei zu erkennen, dass Menschen, die diese Arbeitsweise wählen, es aus freien Stücken tun und nicht etwa aus einer Not heraus. Untersuchungen von Kelly zeigen: „Demografische und psychografische Veränderungen und der rapide technologische Fortschritt treiben eine Neugestaltung der Beziehung zwischen der Arbeit und den restlichen Lebensbereichen voran. Weltweit haben drei von vier freien Mitarbeitern positive Beweggründe für ihre Wahl; dabei stehen persönliche Befähigung und Karrierechancen ganz oben auf der Liste.“* Fakt ist: Diese Menschen sollten keineswegs nur „zweite Wahl“ bei der Personalgewinnung sein, denn die große Mehrheit der Gig-Arbeiter ist hochqualifiziert und bestens ausgebildet; sie legen Wert auf ihre berufliche Entwicklung und sind unglaublich engagiert, was ihre Arbeit und ihre Ertragskraft betrifft.


Gesellschaftliche Normen

In dieser vierten Dimension unserer Studie finden sich viele Elemente wieder, die bereits in den drei vorausgehenden Abschnitten zusammengefasst worden sind. Entscheidend ist hier die Erkenntnis, dass sich mit dem Wandel der Arbeitswelt auch die Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehung verändert. Ein Job ist nicht mehr fürs Leben – tatsächlich haben viele Menschen im Laufe ihres Berufslebens nicht nur mehrere Jobs, sondern mehrere Karrierewege. Die langfristige Bindung an einen Arbeitgeber ist nicht länger die Norm, und die besten Talente werden sich zunehmend bemühen, größere Kontrolle und Handhabe darüber zu bekommen, wie sie die Arbeit mit dem Privatleben und ihren Interessen vereinbaren. Die zuvor unerreichbare „Work-Life-Balance“ wird für viele Berufstätige künftig nicht mehr der heilige Gral sein, sondern Standard – in unzähligen Ausführungen. Und dieser Wandel in der Art und Weise, wie die Welt arbeiten will, bringt mit sich, dass Karrieren zunehmend auf Flexibilität gebaut werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es nie zuvor so viele Veränderungen gegeben hat – und diese werden auch weiterhin an Fahrt gewinnen. Einstellungen müssen sich ändern, Kulturen müssen sich ändern, aber zuallererst brauchen die Life Sciences die Bereitschaft zur Veränderung, damit sich die Branche den neuen Arbeitsweisen öffnen kann. Oder mit den Worten von Charles Darwin: „Es ist weder der Stärkste, noch der Intelligenteste einer Spezies, der überlebt. Es ist derjenige, der sich Veränderungen am besten anpassen kann.“

* Artikel in PharmaVOICE - Juni 2018 - Transforming the Life-Science and Healthcare Workforce. Beitrag von: Kevin D. Duffy, Global VP, Life Science & Healthcare, KellyOCG